VIII. Digitale Arbeiten

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Bezeichnungen auch: Digitale Kompositionen, Fotobasierte Computerarbeiten, Generative Computergrafik, Camera electronica.

Mit dem rechnergestützten Entwurf begann ich im März 1994 zu der im Herbst unter dem Titel „Schnittstelle. Generative Arbeiten“ im Bielefelder Kunstverein geplanten Einzelausstellung. Die Bezeichnung sollte auf den Übergang zwischen analogen und digitalen Werken verweisen (Bielefelder Kunstverein, Katalogtexte Andreas Beaugrand und Vilém Flusser, Bielefeld 1994).

Ich begann mit dem Einscannen ausgewählter „Lochblendenstrukturen“ und ihrer Bearbeitung mit dem Photoshop™-Programm. Dabei stieß ich auf das Verfahren der Pixelreduktion, ein Formpotenzial, das sich darin erschließt, dass ein gegebenes komplexes Muster durch schrittweise Verringerung der Pixel grob vereinfacht wird. Zugleich führt es aber auch zu überraschend originellen Gestaltbildungen: ein entropischer, irreversibler Prozess. Er vereinfacht die ursprüngliche Formenvielfalt, lässt aber auch Formen aus der Erfahrungswelt entstehen (Gestalten, Figurinen). Ergebnisse nach dieser Methode nannte ich „Mosaike“. Ein Unterprogramm bildet das „Kybernetisches Alfabet“, das einzelne Formen des Mosaiks mit Begriffen aus der Regelungstechnik in Beziehung setzt.

Um 1980 schrieb mir der Bielefelder Informatiker Peter Serocka auf meine Anregung hin ein Computerprogramm, das die optischen Gestaltungsparameter der Lochblendenstrukturen algorithmisch zu simulieren erlaubt – das aber auch zu neuen und eigenen Mustern führt: eine Art Dialog zwischen Camera obscura und Camera electronica. Die daraus ab 1996 entstehende Werkgruppe nannte ich „Generative Images“. Ein Unterprogramm bilden die „Snapshots“ (Abk. „snots“). Dem Schnappschuss des „Entscheidenden Augenblicks“ aus dem kontinuierlichen Datenstrom der Außenwelt entspricht hier der Snapshot aus der Innenwelt des Apparats. Erstpräsentation 2000 in meiner Einzelausstellung der Lutz Teutloff Galerie Bielefeld (Katalog, Text Lambert Wiesing, Bielefeld 2000). 

1997 arbeitete ich mit „Fotopiktogrammen“ aus der Fachliteratur: Sie wurden eingelesen und mit Pixelreduktionen verfremdet - mit dem Effekt, dass man vertraute „Bilder“ aus dem analogen Verfahren erkennt, Bilder und Zeichen, die das Medium in seinen zahllosen Gebrauchsanweisungen begleitet haben. Doch treten sie in neuer Form in ihre Erscheinung; aus der Ferne wirken sie vertraut, verständlich, nah betrachtet bilden sie autonom erscheinende Strukturen. Entsprechende Arbeiten nannte Andreas Müller-Pohle in einer Veröffentlichung (EP 63, 1998) „Digitale Ornamente“, eine Bezeichnung, die ich übernahm. 

Schließlich entstanden ab 2004 freie digitale Kompositionen auf Basis des Photoshop™-Programms anlässlich der Doppelausstellung „Realer Schein. Arbeiten 2008“ mit Karl Martin Holzhäuser in der Düsseldorfer Galerie der Epson Kunstproduktion. Mein Beitrag führte zu einer neuen Werkgruppe, den „Photographismen“. Ihre Einzelbilder nannte „Photo“, ergänzt durch eine zehnstellige Ziffer für Datum und Uhrzeit des Klicks, mit dem das Bild schließlich gespeichert wurde. Beide Bezeichnungen stellen Paradoxa für Ergebnisse dar, die nicht mehr durch reales sondern computiertes Licht zustande kommen. Sie zitieren fototypische Formen, ohne dass sie Fotos sind. 

Danach lassen sich die digitalen Arbeiten in vier Gruppen gliedern:

1. Mosaike, ausgehend von gescannten Lochblendenstrukturen 1994-2003.

2. Kybernetisches Alfabet 1994.

3. Generative Images nach dem Programm „lochbl“ von Peter Serocka ab 1996.

4. Photographismen mit „Photos“, freien digitalen Kompositionen mit dem Photoshop-Programm ab 2004.